Menschliches ?

Hier erfahren Sie, warum es bei uns nicht von Bollenhüten wimmelt - und Sie in vielen Gasthöfen Schwäbische Maultaschen erhalten, obwohl unsere Nationalhymne das Badnerlied ist.

Flötenspieler bei STAGES in Staufen
Flötenspieler bei STAGES in Staufen - © Ferienregion Münstertal Staufen

Warum tragen die Münstertälerinnen keinen Bollenhut?

Er prägt die "Marke Schwarzwald", wie man so schön sagt. Ob es nun der SC Freiburg ist, die Schwarzwald Tourismus GmbH als unser Dachverband oder ein behütetes Plastikentchen für die Badewanne: Der Bollenhut signalisiert sofort "Schwarzwald"! Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass er ursprünglich nur aus einem begrenzten Gebiet im Kinzigtal stammt und dort in seiner Form mit den kirschroten Bollen signalisierte: "Diese Frau ist schon fruchtbar und noch zu haben" - frei nach dem biblischen Motto "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen."

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Von wegen Bollenhut - die Münstertäler Tracht wird von markanten Hornkappen geprägt - © Gemeinde Münstertal

Die Münstertäler Tracht dagegen hat so gar keine Ähnlichkeit mit dem Bollenhut. Unsere vier Akteure tragen sie hier zur Prozession am Trudpertstag, dem Patrozinium am Kloster St. Trudpert am letzten Aprilsonntag. Weit ausladende "Ohrenkappen" und die schmucke Stola weisen bei der Frauentracht auf einen Bezug zum Markgräflerland. Der Trachtenjanker und Trachtenhut des Herrn wirken schlicht edel.

Warum spricht man bei uns kein Schwäbisch?

Spätestens mit dem ersten Tatort aus Freiburg - ausgestrahlt am Ostermontag 2016 - dürfte es in ganz Deutschland bekannt geworden sein: Anscheinend redet man auch in Südbaden Schwäbisch. Denn was im Film für einen bodenständigen Charakter sorgen sollte, konnten des Badischen mächtige Zeitgenossen unschwer als "Retorten-Schwäbisch" identifizieren. In Wirklichkeit gibt es natürlich große Unterschiede zwischen dem Schwäbischen und dem Badischen. Und weil es hier im Südwesten noch echte Regionalkulturen gibt, sind auch die Unterschiede zwischen sagen wir mal einem Kaiserstühler Badisch, einem Freiburger Badisch und einem Münstertäler Badisch "gewaltig" aus Sicht eines Einheimischen und "hörbar" aus Sicht eines Gastes. Der alemannische Sprachraum verbindet uns auch mit den lieben Nachbarn aus dem Elsass und aus der Nordschweiz. Und manche Ortsdialekt zeigt noch heute, dass es nach dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 große umsiedlungsaktionen aus der Schweiz und dem Vorarlberger Raum gegeben hat. Der Schwarzwald als Nord-Süd-Barriere hat dagegen dafür gesorgt, dass die Vermischung mit dem Schwäbischen Kernland weniger deutlich ausfiel. Und was grenzt nun rein akustisch das Badische vom Schwäbischen ab? Aus den eben genannten Gründen fällt die Antwort hier schwer. Aber drei Dinge traut sich sogar der hier schreibende Kölner nach über 30 Jahren Sesshaftigkeit im Badnerland zu: Die Sprachgeschwindigkeit eines schwäbischen Sprechers, der nicht aus Oberschwaben kommt (Ministerpräsident Kretschmann ist Oberschwabe!), ist gegenüber einem Badischen Sprecher fast doppelt so schnell. Die Sprachmelodie und der Verlauf der Tonhöhe ist im Badischen weicher und vermittelt fast zum "rheinischen Sing-Sang". Die Härte der Konsonanten und die Länge der Vokale unterscheiden sich ebenso: Das Schwäbische klingt mehr nach Verschlusslauten und kürzt oft die Dauer der Vokale - auch hier machen die Oberschwaben eine große Ausnahme. So - und jetzt wird es sicherlich viele Widersprüche hageln....

Warum sind in Staufen, Münstertal, Ehrenkirchen und Bollschweil die Katholiken vorherrschend, aber in Ballrechten-Dottingen und Sulzburg die Evangelischen?

Um sich diese Frage selbst zu beantworten, stelle man sich am besten vor das Staufener Rathaus. Hier findet man hübsch aufgereiht die Wappen der über die Jahrhunderte herrschenden Geschlechter. Und da springt es ins Auge: Einen riesig langen Zeitraum (bis in 19. Jahrhundert) gehört Staufen zum katholischen Vorderösterreich.

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Renaissance-Fassade des Staufener Rathauses - © Thomas Coch

Nur wenige Kilometer südlich gelangte man in dieser Zeit an die Reichsgrenze. Ab dem Sulzbachtal zwischen Sulzburg, Ballrechten-Dottingen und Heitersheim beginnt die Herrschaft des Markgrafen von Baden, der zum lutherischen Glauben übergetreten war. Das echte "Markgräflerland" zieht sich über den Dinkelberg bis hinunter an den Hotzenwald und war bzw. ist überwiegend evangelisch. Heute wird das Markgräflerland als Weinbauregion etwas anders geografisch verortet, was zu den lustigen Stilblüten des Markgräfler Weinfestes in Staufen geführt hat. Zu des Markgrafen Zeiten eine undenkbare Vorstellung.

Warum kommt man bei uns vom Regen in die Traufe, wenn man dem Karneval entfliehen möchte?

Das hat unmittelbar mit der Antwort zur Religionsfrage zu tun. Staufen und Münstertal frönen der Alemannischen Fasnet in ihrer katholischen Ausprägung. Dies bedeutet, dass man sich stilistisch an der schwäbisch-alemannischen Fasnet, wie sie besonders traditionsreich zum Beispiel in Rottweil ausgelebt wird, orientiert und die "heiße Phase" zwischen dem "Schmutzigen Dunstig" (= Weiberfastnacht) und dem "Fasnet-Zischdig" (= Karnevals-Dienstag) legt. Die Narren sind in Zünften organisiert und tragen spezielle Kleidung ("Häs") wie Masken ("Larve").

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Traditionelle Fasnet in Staufen  - © Ferienregion Münstertal Staufen

Ein Straßenkarneval mit großen Umzugswagen ist nicht typisch, Umzüge werden vor allem von den Narrengruppen gestaltet, die dabei allerhand Närrisches mit den Zuschauern durchführen. Im südlich angrenzenden Markgräflerland ist, wenn es überhaupt eine Fastnachtstradition gibt, diese nach dem Aschermittwoch angesiedelt. Die entsprechenden Aktivitäten nennen sich dann oft "Burefasnet". Noch später legen die Basler los: Am dem Aschermittwoch folgenden Montag heißt es hier sehr früh aufstehen. Noch in der Dunkelheit beginnt dann der "Zapfenstraich" als Start in die Basler Fasnet. Viele Worte, kurzer Sinn: Wer dem Straßenkarneval aus Düsseldorf, Köln oder Mainz entfliehen möchte, sollte sich entsprechende Outdoor-Aktivitäten in unserer Winter-Natur überlegen. In den Orten selbst könnte man tatsächlich vom Regen in die Traufe kommen.