Beim Messerschmied

„Meine Messer machen Leute glücklich, denn sie sind Messer mit Seele“, davon ist Messerschmied Mathias Maresch aus Staufen überzeugt. Schließlich gibt er seine ganze Leidenschaft in den Prozess des Messermachens und schmiedet das Messer seinen Kunden auf den Leib. Unsere Autorin Gabriele Hennicke hat ihn besucht.

Die Werkstatt des Messermachers  in der mittelalterlichen Altstadt des südbadischen Städtchens Staufen finden nur Eingeweihte. Mathias Maresch hat sich in eine Schlosserwerkstatt eingemietet und vor acht Jahren die Nachkriegsschmiede dort übernommen. Das Klischee von der dunklen Werkstatt mit loderndem Feuer erfüllt sie nicht. Hell und sehr aufgeräumt ist Mareschs Schmiede. An den Wänden hängen Dutzende von Schmiedezangen und Hammer, kühl blinkt der riesige Amboss. Kalt ist es. Denn das Feuer brennt nicht etwa den ganzen Tag über, sondern nur dann, wenn geschmiedet wird.

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Jetzt stellt der Messerschmied die Esse an. Mit einem Gebläse bläst er Luft ins Feuer, rasch beginnt die Steinkohle durchzuglühen.  Bis 1800 Grad heiß wird sie, Holzkohle hingegen nur bis 1350 Grad. Für das Kochmesser, das er nun ausschmieden wird,  hat Maresch gestern schon aus nicht rostfreiem Kohlenstoff-Monostahl  einen Rohling hergestellt. Mit einer Zange legt er den Rohling ins weißglühende Feuer, nicht lange und die Klinge glüht gelb-orange. Jetzt geht es ab damit auf den Amboss. Mit kräftigen Hammerschlägen schmiedet Maresch die Klinge aus. Durchs Schmieden erhält die Klinge die gewünschte Form. „Form und Linie muss stimmen, das ist wie bei einer Skulptur“, sagt der Schmied, „die Kontur  des Messers hat Ecken und Kanten und besteht dennoch aus einer harmonischen Linie. Das Auge des Betrachters wird gleichsam herausgefordert und  dennoch befriedigt. Deshalb ist Messerschmied durchaus ein künstlerischer Beruf.“

Gemeinsam mit seinen Kunden hat er genau diese Form entwickelt. Wichtig ist, dass klar wird, für welchen Zweck das Messer benutzt werden soll, denn danach entscheidet sich Form und Material. Ein Jagdmesser etwa hat eine eher runde Spitze und eine kurze und gedrungene Form. Bei einem Küchenmesser ist es wichtig, das der Griff wenig ausgeformt ist, damit je nach Schnittgut vielfältige Griffpositionen möglich sind. Dann kann man das Messer vorne am Griff anfassen und Kräuter wiegen und hinten anfassen, wenn man schneiden möchte. „Meine Kunden mögen meinen Stil. Meine Messer sind keine wilden Designobjekte. Sie sind neu und verwenden doch eine uralte Formensprache. Erst durch den persönliche Kontakt mit meinen Kunden und den gemeinsamen Prozess wird das Messer zum eigenen Messer. Ich mache genau dieses Messer nur für diese Person“, sagt Maresch. Noch zwei, drei Mal wiederholt Maresch den Schmiedeprozess, dann taucht er den Rohling in Härteöl. Innerhalb von 30 Sekunden hat er so den zuvor glühenden Stahl auf Raumtemperatur gebracht. Jetzt ist der Stahl zwar härter als Glas, aber auch sehr spröde und würde  leicht brechen.  Im 200 Grad heißen Anlassofen wird nun die Härte weggenommen, die Zähigkeit des Stahls  steigt. Für ein Messer ist dieser Prozess unabdingbar, denn nur auf diese Weise entsteht eine möglichst flexible und gleichzeitig schnitthaltige Klinge.

Wie kommt einer auf die Idee Messerschmied zu werden? Der Vierzigjährige hatte zunächst Archäologie studiert, aber bald gemerkt, dass ein Hochschulstudium nicht das Richtige für ihn ist. In einer Zeitschrift las Mathias Maresch über handgefertigte Messer. Er war fasziniert und plötzlich war  der Berufswunsch klar. Er machte Praktika in verschiedenen Schmieden,  absolvierte eine Ausbildung zum Metallgestallter bei einem Messerschmied in Rheinland-Pfalz und besuchte gleich anschließend die Meisterschule. Den Lehrberuf Schmied gibt es nicht mehr, aus dem Kunstschmied wurde der Metallbauer. Für Mathias Maresch blieb der Fokus jedoch immer bei den Messern. „Ich kann Leidenschaft für Messer entwickeln, für Zäune und Tore nicht so“, sagt er schmunzelnd. An seinem Beruf schätzt er das Archaische, das den Schmiedeprozess am Feuer ausmacht, genauso wie die ganz feinen, filigranen  Arbeiten beim Schleifen und  bei der Herstellung von Griff und Scheide.

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Das Schmieden selbst geht schnell. Für das Messermachen allerdings, also das Schleifen, Härten und Auspolieren der Oberflächen,  braucht Mathias Maresch mindestens  zwei Tage. „Die Arbeitsschritte werden immer kleiner. Wenn die Klinge vorliegt, geht die Arbeit eigentlich erst los.“ Die Herstellung des Griffs,  der Lederscheide und das Schleifen machen etwa zwei Drittel der gesamten Arbeit an jedem Messer aus.  Beim Schleifen der Klinge am Bandschleifer stieben die Funken. Maresch muss aufpassen, dass sich der Stahl nicht zu sehr erhitzt, sonst verliert er an Härte und Zähigkeit.  Wichtig ist, dass die Symmetrie der Klinge stimmt. Bei einem Kochmesser wird die Schneide extrem dünn geschliffen, sie ist am Ende nur  etwa 1/10 Millimeter dick. Bei einem Jagdmesser – mit dem ein erlegtes Tier aufgebrochen wird -  muss die Schneide stabiler und stärker sein. Ist das stundenlange Schleifen nicht langweilig? „Überhaupt nicht, beim konzentrierten Arbeiten vergeht die Zeit wie im Flug“, meint der Meister. Für die Messergriffe verwendet Mathias Maresch edle  Hölzer, Horn, fossile Knochen wie Mammutknochen und zertifiziertes Elfenbein, je nach Kundenwunsch. Aus einem Klotz sägt  er die Kontur aus, rundet den Griff grob am Bandschleifer, der Rest ist Schleifarbeit von Hand. „Ich nähe auch die Lederscheide selbst. Das ist ja gerade das Tolle, dass ich alle Arbeitsschritte mache“, sagt der Messermacher. In seiner Werkstatt entstehen auf diese Weise  feststehende Messer für Jäger, Sammler und Kochmesser. Alle sind Unikate. „Meine Messer sind Werkzeuge, keine Waffen, das ist mir wichtig“, sagt Maresch, „das Image des Messers hat sich verändert, das  überlebensnotwendige  Werkzeug  wurde zur Waffe umdefiniert.“

Ein Messer aus nicht rostfreiem Stahl, wie Maresch es schmiedet, lässt sich viel besser schärfen als eines aus rostfreiem Stahl, es ist schneidfreudiger, elastischer und leichter  nachschärfbar. Wer ein solch wertvolles Messer besitzt, sollte es entsprechend behandeln. „ Zwiebeln schneiden und die Zwiebeln dann mit der Klinge auf die Seite schieben, das ist tödlich. Das macht man mit dem Messerrücken, dann bleibt das Messer scharf“, erklärt der Fachmann. Ein einfaches Kochmesser ist ab 400 Euro zu haben, ein aufwändiges Sammlermesser kann durchaus im vierstelligen Bereich liegen.  Matt glänzend und silbern schimmernd mit archaisch anmutendem  Griff aus Horn liegt das Messer am Schluss vor uns. So entstehen Unikate, an denen sich die Kunden bei jedem Benutzen freuen. Einzelstücke, die nicht nur den besonderen Entstehungsprozess und  die Beziehung zwischen Schmied und Besitzer widerspiegeln, sondern jedes Benutzen zum besonderen Erlebnis machen. Messer mit Seele eben.

Dieser Beitrag von Gabriele Hennicke ist zusammen mit den anderen im Verlag Rombach, Freiburg, auch in Buchform erschienen und seit Oktober 2017 im Buchhandel erhältlich unter der ISBN 978-3-7930-5132-9

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