Vom Leben der Reben

Natürlich interessiert Sie vor allem das Endprodukt, aber vielleicht ist es ja spannend zu erfahren, wie es dazu kommt...

Aus dem Leben der Reben

Der Weinbau spielt in unserer Ferienregion unübersehbar eine große Rolle. Mit dem Markgräflerland und dem Breisgau haben wir gleich zwei badische Weinbaugebiete, die über die Landesgrenzen hinaus bekannte Tropfen hervorbringen. Und was das Schöne für Sie als Urlaubsgast ist: Mit den vielen Wander- und Spazierwegen durch unsere Weinberge können Sie auch Einblicke gewinnen in das Leben dieser alten Kulturpflanze, bevor der Saft ihrer Früchte in den Fässern zum Wein reift.

 

Reben vor dem Austrieb1

Der Jahreslauf der Rebe beginnt im zeitigen Frühjahr. Dort zeigt sich zwar noch kein Austrieb, aber Winzerinnen und Winzer sind fleißig zugange im Weinberg, schneiden die langen Ruten des Vorjahres zurück auf eine oder zwei Fruchtruten und neigen diese anschließend in den Drahtrahmen. Und warum die viele Handarbeit? Die Rebe trägt auf dem diesjährigen Holz, welches aus dem letztjährigen getrieben ist. Diese nicht leicht zu verstehende Regel wird nachvollziehbarer, wenn man sich vor Augen führt, wo unsere Reben ihre natürliche Heimat haben. Häufig fallen hier Begriffe wie „aus dem Orient“ oder „aus Ägypten“, wodurch man zunächst verdeutlichen möchte, dass es sich um eine sehr alte Kulturpflanze handelt. Aber es gab bis vor kurzem noch Europäische Wildreben sogar in unserer Rheinaue. Tatsächlich – die Rebe entstammt den Flussauen und ist dort eine Kletterpflanze ähnlich wie der bekannte Efeu. Gleich zwei Hauptmerkmale erklären sich aus dieser natürlichen Vergangenheit. Zum einen fällt jedem Winzer, der ein Rebstück zu roden hat auf, wie tief die Kulturreben wurzeln. Bis zu 12 Meter senken sie das Wurzelwerk herab – tiefer als viele Waldbäume. Der Grund hierfür liegt in der Bedeutung einer guten Verankerung, welche das Leben in der von Hochwassern geprägten Aue mit sich bringt. Nur wer sich in den reißenden Fluten an Ort und Stelle halten kann, überlebt.

Winzer beim Schnitt1

Und unsere komplizierte Regel zum Fruchttragen wird sinnfällig, wenn man sich überlegt, wozu die süßen Weinbeeren eigentlich da sind: Natürlich lockt die Pflanze damit Vögel, die eine gehaltvolle Frucht im Herbst als willkommene Nahrungsbereicherung ansehen und für den zuckrigen Genuss gerne die Verbreitung des inneliegenden Samens als Aufgabe übernehmen. Der keimt übrigens hervorragend nach der sogenannten Darmpassage. Nun reift unsere Weinbeere aber vor allem unter dem Sonnenlicht – und damit sie in den Genuss desselben kommt, sollte sie im äußeren Kronenbereich des Trägerbaums ansetzen. Genau dafür ist es sehr sinnvoll, dass die Natur den Fruchtansatz tatsächlich in den jüngsten Trieb, der wiederum ebenfalls aus einem Jungtrieb geschossen ist, befördert hat.

 

Reben im Austrieb2

Der Austrieb unserer Reben erfolgt je nach Witterung meist in der zweiten Aprilhälfte. Schon bald zeigen sich inmitten der faltigen Blättchen kompakte Blütenknospen, die jedoch noch lange geschlossen bleiben.

Reben im Austrieb1

In der ersten Wachstumsphase steht eindeutig die Bildung einer leistungsfähigen Blattmasse im Vordergrund. Zusätzlich suchen sich die Triebe früh gute Verankerungen. Schließlich sind sie ja nicht umsonst eine Kletterpflanze. Mit dem heute üblichen Drahtrahmen lässt sich das rasche Wachstum leicht in geordnete Bahnen lenken.

 

Markgräflerland Rebblüte1

Die Rebblüte ist keine so spektakuläre Angelegenheit wie etwa die Blüte unserer Obstbäume. Schmucke Kronblätter und betörender Nektarduft fehlen unserer Rebe, ist sie doch auch nicht auf fleißige Bienen angewiesen. Trotzdem summt es gewaltig zur Zeit der Hochblüte, die meist und sortenspezifisch Ende Mai/Anfang Juni aufläuft. Viele Honigbienen schätzen den Rebpollen und befördern damit die Alternative zur Windbestäubung der Blüten. Nach der Bestäubung geht es rasch los mit dem Fruchtansatz. Wie kompakt und ergiebig dieser ausfällt, wird nun stark von der Witterung in der abgehenden Blüte bestimmt. Auch Schadpilze können in dieser Zeit heftig zusetzen. Bereits im Juni ähneln die kleinen Trauben schon sehr dem Endprodukt, sind jedoch noch sehr hart und haben kaum Fruchtfleisch. Jetzt benötigt die Reben eine gute Mischung aus regelmäßiger Feuchtigkeit und Wärme. Stets jedoch bleiben Pilzsporen ein ernstzunehmender Gegner einer guten Fruchtreife, weil diese für ihr Wachstum eigentlich genau das Gleiche benötigen. Insbesondere zu lange feucht-warme Wetterperioden bergen Risiken. Aber wir sind ja hier nicht das Tessin und unsere Sommer neigen eher zur Trockenheit. Diese steckt die Reben dank ihres tiefen Wurzelwerks problemlos weg.

Markgräflerland Gutedel1

Anfang September schauen uns nun bereits genussreife Weinbeeren an. Der prognostizierte Witterungsverlauf, die gewünschte Produktpalette und die Nerven des Winzers steuern nun den Beginn der Lese. Kurz gesagt: Wer auf frisch-fruchtig-leichte Weine setzt, kann schon etwas früher beginnen, verliert aber dabei eventuell die „letzten Grad Öchsle“ einer Spätseptembersonne. Mit den berühmten „Öchsle“ misst man das Mostgewicht, sprich den natürlichen Zuckergehalt der Beere. Generell werden unsere weißen Trauben wie der Weißburgunder, der Müller-Thurgau und der Gutedel früher geherbstet (so nennt man in Baden die Lese) als der Blaue Spätburgunder. Gerade bei unserer „Paraderebe“ Gutedel stimmt aber diese Regel häufig nicht, denn dank seiner festen Beerenhaut kann man ihn gefahrenlos länger hängen lassen.

 

Ehrenkirchen Ölbergkapelle2

Nach der spektakulären Blattfärbung Ende Oktober – unserem „Goldenen Herbst“ – und dem mit Frösten und Winterstürmen einsetzenden Blattfall sieht man den ganzen Winter hindurch noch kugelige Trauben im oberen Bereich der Triebe. Früher hat man diese gerne als „Wintertroller“ für den Haustrunk gekeltert. Heute bleiben sie meist die Winterration für Amseln und Wacholderdrosseln. Das neue Jahr der Reben beginnt wieder mit dem Schnitt der Ruten.