Steiniges ?

Wer die Natur verstehen will, muss beim Gestein anfangen. Der steinige Untergrund lenkt zusammen mit dem Wasserhaushalt die Bodenbildung. Und vom Boden sind wieder die Pflanzen abhängig.

Dass die Geologie eine spannende Wissenschaft sein kann, vermittelt unsere Region auf den ersten Blick. Sowohl geologische Großformen wie den gewaltigen Oberrheingraben als auch mineralogische Details wie seltene Mineralien aus unseren Bergwerken können Sie hier studieren. Einen ersten Einblick möchten wir mit unserem kleinen Frage-Antwort-Spiel geben.

Ist das so breite Rheintal wirklich ein Flusstal?

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Vater Rhein in allen Ehren, aber das hast du nicht geschafft! Das über 50 Kilometer breite „Tal“ des Oberrheins zwischen Schwarzwald und Vogesen entstammt vielmehr einer Laune unserer Erdkruste. Die hat es vor gut 40 Millionen Jahren vorgezogen, an dieser Stelle einfach einmal abzutauchen. Der Geologe nennt so etwas einen Grabenbruch. Der Graben ist das Platte in der Mitte, und die Brüche bescherten uns sowie den Kollegen am Vogesenfuß den schön gestuften Aufgang zum jeweiligen Gebirge. Übrigens verdankt auch der nahe Kaiserstuhl seine Existenz diesem Grabenbruch. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls hat sich der Rhein dann später ganz frech dieses Grabens bemächtigt und es fortan vorgezogen, statt Richtung Mittelmeer mal Richtung Nordsee zu fließen. Wobei es die damals noch gar nicht so gab, wie wir sie heute kennen – Geologie ist halt doch ziemlich komplex...

Aus welchem Gestein besteht der Belchen?

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Rundum ist unser Belchen bewehrt mit Felsen. Und an einigen Stellen gesellen sich Steinrasseln sowie Blockschutthalden hinzu. Wenn Sie sich einen Stein näher ansehen, fallen Ihnen in der grauen Grundmasse unterschiedliche Einsprenglinge auf, die weiß oder metallisch glänzend sein können. Diese Zusammensetzung teilt der Gneis – so nennt man das Hauptgestein unseres Belchens – mit dem besser bekannten Granit. Zu diesem hat jeder Geologiestudent einmal lernen müssen: „Feldspat, Quarz und Glimmer – die vergess` ich nimmer!“. Und weil dieser Mix so schön lebhaft aussieht und der Stein daraus kompakt und hart ist, haben Sie vielleicht Ihre Terrasse auch mit Granit gepflastert. Granite sind Tiefengesteine unserer Erdkruste, die zu den verschiedensten Zeiten an die Oberfläche gelangten: In Skandinavien finden sich Granitdecken mit dem auch geologisch gesehen ansehnlichen Alter von einer Milliarde Jahren. Die Kletterberge des Bergells in den Alpen bestehen dagegen aus nur 40 Millionen Jahre altem Granit. Im Schwarzwald gibt es auch Granite – so z.B. am Feldberg bei Altglashütten. Aber viele ursprüngliche Granite wurden im Schwarzwald durch Hebungen und Verschiebungen im wahrsten Wortsinn mächtig unter Druck gesetzt. Dadurch wandelte sich der Granit zum Gneis und verlor die kontrastreiche Struktur zu Gunsten einer eher grauen Masse. Das Ganze geschah nun auch nicht gerade vorgestern, sondern vor etwa 300 Millionen Jahren.

Wie sind eigentlich so markante Felsen wie der Scharfenstein entstanden?

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Die Felsen am Belchen sind eher kleinere Vertreter ihrer Gattung. Aber wenn Sie mit Bus, Rad oder Auto zum Belchen fahren, kommen Sie unweigerlich an einem echten Prachtexemplar von Felsen vorbei. Der Scharfenstein strebt über 80 Meter nahezu senkrecht nach oben und ist ein wahrer Felsklotz. Warum hat sich nun im Gemenge der Gneise ein solcher Block als massiver Fels gehalten? Das liegt an seiner Zusammensetzung, die Zeugnis eines alten Vulkanismus im Grundgebirge des Schwarzwalds liefert. Die Lava der damaligen Zeit war stark quarzhaltig. Und deswegen erkaltete sie zum Quarzporphyr, der so richtig hart ist. Da kommt der von Druck und Hitze gebeutelte Gneis nicht so ganz mit, wodurch der Quarzporphyr-Härtling als mächtige Zacke im Erosionsgeschehen stehen bleibt.

Was hat man in den Bergwerken von Münstertal, Ehrenkirchen und Bollschweil abgebaut?

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Die Tiefengesteine des Schwarzwalds sind von Natur aus reich an Erzgängen. Wo das Gebirge durch den Grabenbruch steil und mehrfach gestuft abbricht, treten diese Gänge auch gerne mal an die Oberfläche. Deswegen war es nur eine Frage der Zeit, bis der hier sesshafte Mensch bemerkte, was man hier Wertvolles aus der Erde holen konnte. Im frühen Mittelalter war es dann so weit: Die ersten Erzgruben entstanden, in dem man den austretenden Erzgängen einfach folgte. Und was konnte gefunden werden? Bei uns ging es in dieser Zeit vor allem um Silber. Dies sitzt in der Region vornehmlich auf Bleiglanz. Damit war das mühsame Geschäft vorgezeichnet: Zunächst die Gesteinsbrocken rauspickeln, dann diese mit großen „Pochen“ (= wasserbetriebene Stempelwerke, die große Steinbrocken zertrümmerten) zerkleinern und anschließend ausschmelzen. Eine veritable Industrieregion entstand. Wer dann im Hochmittelalter ins Münstertal gekommen wäre, hätte dies wahrlich nicht als idyllische Urlaubslandschaft vorgefunden. Die Hänge waren zwecks Gewinnung von Holzkohle für die Schmelzen gerodet. Überall führten Stollen in die Berge. Und davor erstreckten sich mächtige Halden aus dem Bergwerksschutt.

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Nach der Entdeckung Amerikas verlor wegen der dort erbeuteten großen Goldmengen das Silber beträchtlich an Wert. Zudem war mit den damals möglichen Abbaumethoden nicht mehr viel aus dem Berg zu holen. Der Silberbergbau verwaiste. In der Neuzeit waren es dann die ebenfalls in Gängen vorkommenden Mineralien Schwerspat und Flussspat, für die sich eine Wiederaufnahme der Bergbautätigkeit lohnte. Sie fanden Verwendung in der Stahlindustrie und in der Herstellung optischer Gläser.

Und heute gibt es durchaus Ambitionen, die Schwarzwaldbergwerke erneut zu nutzen für die Gewinnung seltener Erden. Die braucht man vor allem für die Liebkinder des 21. Jahrhunderts: Handys, Smartphones, Tablets und alles weitere, was Leiterplatten hat. Aber bis es dazu kommt, wird wenn überhaupt noch viel Wasser den Neumagen runterlaufen.

Warum trifft man am Castellberg auf Kalkstein?

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Über den Grabenbruch konnten Sie sich ja schon weiter oben informieren. Zur Klärung dieser Frage müssen wir etwas ins Detail dieser Laune der Erdkruste steigen. Und zwar genauer hinschauen, was an den Bruchrändern so alles passieren kann. Wenn Sie das im Folgenden Gesagte plastisch nachvollziehen möchten, setzen Sie sich am besten an einen gedeckten Tisch in einem unserer Gasthäuser und schauen, ob Sie dort den typisch badischen „Tellergallert“ (manchmal gut schwäbisch auch „Tellersulz“ genannt) bestellen können. Diese frisch zubereitete und schön garnierte Sülze kann nämlich perfekt verdeutlichen, was sonst vielleicht schwer vorstellbar ist.

Sitzen Sie schon davor? Dann stellen Sie sich mal vor, dass die Sülze vor Ihnen die noch zusammenhängende Masse aus Schwarzwald und Vogesen darstellt. Die hatte früher übrigens ein gewaltiges Schichtpaket über dem Grundgestein draufsitzen. Sedimentgesteine des Juras zum Beispiel, die Sie vielleicht von der Schwäbischen Alb kennen. Denken Sie sich einfach die Garnitur und die oberste Schicht der Tellersulz als solche Decken obendrauf. Wenn Sie jetzt Ihr Messer nehmen und beherzt mittels zwei Längsschnitten das mittlere Stück aus der Sülze rausschneiden – Sie dürfen es gerne konsumieren, köstlich, die feine Säure, nicht wahr? – dann sehen Sie, wie unweigerlich von den verbliebenen Rändern die Sülze in den Graben reinrutscht. Sülze ist eben wabbelig und kann keinen senkrechten Schnitt aushalten. Genauso wabbelig ist letztlich unser Schichtpaket an den verbleibenden Rändern von Schwarzwald und Vogesen auch gewesen. Da purzelten dann zum Beispiel die Decken des Braunjuras in den Graben hinein. Und bildeten anschließend die Grundmasse unserer heutigen Vorbergzone – also vom Ölberg, vom Staufener Schlossberg, vom Fohrenberg und vom Castellberg. Noch heute erkennt man eine bestimmte Schicht des Braunjuras an den kleinen Knöllchen, die wie Fischrogen aussehen und dem Gestein den lustigen Namen „Hauptrogenstein“ gegeben haben.

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Um das weitere Geschehen am Sülzenteller zu simulieren, müssten Sie jetzt Ihr Bier- oder Weinglas über ihm entleeren. Das tun wir dann doch lieber nicht. Deswegen noch rasch die Erdgeschichte pur nachgereicht: In den Graben stieß teilweise ein Meer hinein. So wurden unsere reingerutschten Braunjuraschollen eine kleine Felsküste, die von der Brandung ganz gut angenagt wurde. Die Wellen formten herausgebrochene Kalksteine rund. Es entstand ein Küstensaum aus gerundeten Brocken, die nach dem Rückzug des Meeres zusammen mit dem sie umgebenden Feinmaterial ein fest verbackenes Sediment ergaben – sozusagen natürlicher Beton. Dieser verblieb als „Mütze“ auf unseren Vorbergen sorgte durch seine Widerstandsfähigkeit dafür, dass sie nicht der Erosion anheimfielen. Alles völlig logisch, oder?

Jetzt dürfen Sie Ihre Sülze gänzlich vertilgen – wir sind fertig mit der Geologiestunde.