Sonnenaufgang auf dem Belchen

Mit der Sonne geht auch das Herz auf - Gabriele Hennicke folgt dem Belchengänger Peter Geiger...

Der Belchen im Südschwarzwald – ein Berg, der süchtig macht

Belchensüchtig sei er, so beschreibt Annelore Geiger ihren Mann Peter. Mindestens einmal im Monat zieht es Peter Geiger aus dem Münstertal hinauf auf den Berg, sommers wie winters, zu allen Tages- und Nachtzeiten.

Wer schon einmal auf dem Belchen war, der versteht Peter Geiger. Schließlich bietet der Münstertäler Hausberg mit seinen 1414 Metern dritthöchste Berg des Südschwarzwaldes bei klarem Wetter ein grandioses Alpenpanorama von der Zugspitze im Osten bis zum Mont Blanc im Westen. Zu Recht gilt der Belchen als der schönste Schwarzwaldberg und ist berühmt für seine einmalige Rundumsicht. Weit schweift der Blick: tief hinunter ins Rheintal und auf die französischen Vogesen im Westen, auf Berge und Täler des Südschwarzwalds bis hin zum Schweizer Jura im Süden. Zum Greifen nah wirken an manchen Tagen Eiger, Mönch und Jungfrau, das berühmte Dreigestirn des Berner Oberlandes.

Wer von der Rheinebene auf die Bergkette der Schwarzwalds schaut, erkennt die Silhouette des Belchens mit der charakteristischen Nase sofort. Abrupt geht es von Münstertal, das auf 400 Metern Höhe liegt, in vier Kilometern Luftlinie 1000 Meter hinauf bis zum Gipfel. Peter Geiger wohnt in einem liebevoll renovierten Schwarzwaldhaus aus dem 18. Jahrhundert am Fuß des Belchens direkt an der steil und markant aufragenden Belchennordwand. Der 73-Jährige gilt in seiner Heimatgemeinde als Belchenkenner. Freunde und Bekannte nimmt er manchmal mit hinauf zum Sonnenaufgang. Es ist ein verschworener Kreis, der sich mitten in der Nacht zu Fuß aufmacht, um dieses ganz besondere Naturerlebnis zu erfahren. „Am liebsten gehe ich vier oder fünf Tage nach Vollmond, dann scheint der Mond direkt auf unseren Weg  und wir brauchen keine Taschenlampe“, sagt er. Zu nachtschlafender Zeit, um 2 Uhr 45 ist  Abmarsch, 800 Höhenmeter gilt es bis zum Sonnenaufgang um 5.23 Uhr zu überwinden. Über uns leuchtet der Große Wagen, die sternenklare Nacht lässt auf einen schönen Sonnenaufgang hoffen. Um vier Uhr meint Peter Geiger, wir sollten doch mal die Stirnlampen  ausmachen und tatsächlich - die Augen gewöhnen sich schnell an das Dunkel. Ganz in der Nähe des breiten, steilen Weges führte viele Jahrhunderte lang der Passweg über die Krinne ins dahinterliegende Wiesental.

Kurz nach halb fünf beginnen die ersten Vögel zu singen, die Dämmerung bricht an. Gegen fünf Uhr erreichen wir das Belchenhaus, hier endet die Belchenseilbahn. Seit 2001 ist der Belchen für den Autoverkehr gesperrt nur noch zu Fuß oder eben mit der Belchenbahn zu erreichen. „Das erste Belchenhaus wurde bereits 1866 als Schutzhütte gebaut. 1899 erfolgte dann ein Neubau, später mehrere Anbauten“, erzählt Peter Geiger, „das Haus in 1360 Metern Höhe ist das höchstgelegene Gasthaus Baden-Württembergs“.

Über den Gipfelrundweg, ersteigen wir die letzten Höhenmeter bis zum Gipfelkreuz. Kalt ist es hier oben, der Wind pfeift, wir sind dankbar für Anorak und Mütze. Noch ist nicht zu sehen von der Sonne, einige Wolken  sind  inzwischen aufgezogen. Langsam färbt sich der Himmel rosa und violett. Wir haben Glück, der Himmel scheint sich zu teilen, die Sonne schiebt sich über die Bergipfel. Orangerot. Ergriffen stehen wir da und staunen.

Der Belchengipfel ist kahl. Schon vor etwa 1000 Jahren wurde der Wald gerodet. Man schuf Weideflächen für Rinder, das Land im Tal wurde als Ackerland gebraucht. „Im  Winter  fegen Schneestürme von über 100 Stundenkilometer über den Berg hinweg, Bäume und Pflanzen hier oben müssen ums Überleben kämpfen und haben sich an dieses Klima angepasst“, erzählt Peter. Heidekraut und Heidelbeeren bilden den typischen Bewuchs am Gipfel. Unter diesen extremen Wetterbedingungen haben sich Pflanzen gehalten, die sonst nur in den Alpen anzutreffen sind: Alpen-Heckenrose, Arnika, Scheuchzers Glockenblume mit großen violettblauen Blüten und Schweizer Löwenzahn. Sie sind Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren. Wegen der seltenen Tier- und Pflanzenwelt wurde der Belchen schon 1948 unter Naturschutz gestellt.

Wir verlassen den Gipfel und umrunden ihn auf dem Gipfelrundweg. Jetzt durchqueren wir die Belchennordwand. Sie ist so steil, dass in schneereichen Wintern Lawinen abgehen können. Zahlreiche tote Fichte stehen hier, Folgen des Waldsterbens und der Borkenkäferplage. „Hier gab es immer wieder Murenabgänge über bis zu 800 Höhenmeter, wie wir sie eigentlich nur in den Alpen kennen“, sagt Peter Geiger, „die kahlen Bäume können bei Starkregen das Wasser nicht auffangen, es knallt mit voller Wucht auf den Boden und führt zu Erosion.“  Zum Schutz der Belchennordwand wurde ein Konzept mit verschiedenen Handlungsfeldern erarbeitet. „Eine der Maßnahmen zum Schutz von Murenabgängen war die Pflanzung von 300 Fichten und Bergahorn in der Nordwand“, erzählt Peter Geiger. Die Jungpflanzen müssen allerdings ums Überleben kämpfen und wachsen nur sehr langsam.  Plötzlich wird er ganz still und fordert uns durch Zeichen auf, den Mund zu halten. Da! Eine Gams quert den Weg, sie schaut kurz zu uns herüber, dann macht sie einen kleinen Sprung und ist hinter Bäumen verschwunden. 21 Gämsen wurden in den 1930er Jahren am Feldberg ausgewildert, inzwischen leben viele hundert im Schwarzwald. Die steile, mit Felsen, Schutt- und Geröllhalden durchsetzte Belchennordwand bietet ihnen optimale Lebensbedingungen. Für die jungen Bäume sind die Gämsen allerdings eine Bedrohung, sie fressen gerne die jungen Triebe ab. Peter Geiger zeigt uns kleine „Bonsai-Fichten“, Folge des Verbisses durch Gämsen. Um diesem Problem zu begegnen, einigen sich Forstleute und Jäger alle drei Jahre auf einen Gämsenabschussplan.

Weiter geht es an der Belchensüdseite durch ein Mosaik aus großen Felsen, Magerweiden und Mehlbeerbäumen, die dick mit Flechten überwuchert sind. „Hier kann man Kolkraben beobachten, sie bauen ihre Horste in den Felsen. Besonders toll sind ihre Balzflüge, sie können sogar Loopings fliegen“, erzählt Peter Geiger begeistert. Die Kolkraben, die deutlich größer als Krähen sind, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Es kam daher fast einer Sensation gleich, als sich die Vögel in den 1960er Jahren am Belchen niederließen.

Wir verlassen jetzt den Rundweg und machen uns an den Abstieg. Der Blick auf die Uhr zeigt halb sieben, die Sonne steht inzwischen recht hoch am Horizont. Wir nehmen einen der schmalen,  steilen Wege, der uns durch die Belchennordwand hinunter ins Tal führt. Um acht Uhr sind wird im Tal. Zeit fürs Frühstück!

Dieser Beitrag von Gabriele Hennicke ist zusammen mit den anderen im Verlag Rombach, Freiburg, auch in Buchform erschienen und seit Oktober 2017 im Buchhandel erhältlich unter der ISBN 978-3-7930-5132-9

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