Die Winzerin vom Ölberg

Natürlich könnt ich mir das Leben leichter machen mit einem bequemen Büro-Job: Morgens um halb Neun auf dem Stuhl vorm PC hocken, um halb elf Kaffeepause, um eins Mittag, um fünf den PC runterfahren – und wieder ist der Tag rum. Stattdessen in der Früh den Kombi richten und rauf in den Rebberg.

Jeden Tag ruft andere Arbeit. Im Winter geht’s ans Schneiden, im zeitigen Frühjahr ans Neigen; und wenn dann im April die Knospen springen, geht die Angst los: Was macht der Pilz? War es warm und feucht zugleich, wird er schon früh gefräßig. Dann kannst du zusehen, wie ein Blatt nach dem anderen von untern befallen wird. Mit der Rebblüte kommen noch neue Gefahren. Die Blüten verrieseln, der Heuwurm hockt drin – alles Natur, aber eine, die nicht nur Freund vom Winzer ist. In unseren Reben am Alten Ölberg machst du alles per Hand. Und alles zu Fuß. Den Buckel rauf, den Buckel runter. Auf deinem eigenen Buckel schleppst du mit, was du brauchst. Das geht ganz schön in die Knochen. Im Sommer ist’s manchmal sehr heiß. Dann schaffe ich lieber früh am Morgen oder wenn die anderen schon Feierabend machen. Am Ölberg triffst du sie dann oft: Die, die am Tag im Büro schaffen, joggen ihre Ölbergrunde.

Am schönsten ist der Herbst. Natürlich, zuerst ist da die Arbeit. Oft muss es schnell gehen mit der Lese. Wenn der Regen droht und du hast vollreife Triebel zum Beispiel. Und leicht ist es auch nicht, jedes Jahr Erntehelfer zu finden, die mit dir alles in Handarbeit machen. Aber du vergisst alle Mühen, wenn du vor gesunden Triebeln stehst, saftig glänzend, prall. Du nimmst den Triebel in die linke Hand und gehst mit der Rebschere oben drüber – schnipp, ist er dein. Wenn der Herbst üppig ist, muss er rennen, der Mann mit dem Biggi auf dem Rücken. Da kommt dein Leseeimer rein. Und er bringt das volle Biggi rauf an die Bütte auf dem Hänger. Da streckt der Verdienst vom ganzen Jahr drin. Mittags machen wir zünftiges Vesper in den Reben – Schwarzwälder Speck, Hausmacher Schwartenmagen, ein Handkäse und ein Glas Neuen dazu. Du schaust rüber zum Staufener Schlossberg, siehst den Belchen hinter der ersten Schwarzwaldkette hervorlugen und drüben auf der anderen Seite grüßen die Vogesen. Dann weiß ich genau, warum ich um nichts auf der Welt mit jemandem den Beruf tauschen möchte."

Ingrid Steinle, Winzerin vom Ölberg Ehrenstetten

Weißburgunder