Geigen-Akupunktur

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Geigenbaumeister Ralf Schumann aus Münstertal im Schwarzwald experimentiert  gerne. Einen Namen als Klangkünstler hat er sich mit der Klangeinstellung von Instrumenten durch Akupunktur gemacht. Musiker aus der ganzen Republik pilgern ins abgelegene Münstertal, um den Klang ihres Instrumentes verbessern zu lassen.

Ralf Schumann klopft mit einem kleinen Holzstab auf die Vorderseite der Geige. Auf der Bass-Seite, neben den tiefen Saiten, klingt der Ton tiefer als auf der anderen Seite, der Diskant-Seite. „So muss es klingen“, sagt er. Dann pocht er vorsichtig mit seinem „Kloppstock“, wie er den kleinen Stab schmunzelnd nennt, entlang der Geige von unten nach oben. Der Klopfton wird immer höher, je weiter er die Geige hinaufpocht. Schon in den 1980er Jahren, kurz nachdem er die Geigenbauschule in Mittenwald abgeschlossen hatte und als Geselle in Hamburg arbeitete, stieß Ralf Schumann in einer Geigenbaufachzeitschrift auf die Forschungen des russischen Geigenbauers Denis Yarovoi.

Yarovoi hatte beim Abklopfen von Stradivarigeigen ein bestimmtes Muster von Klopftönen entdeckt. Ein Schüler von Yarovoi, Georg Dinin, stellte dessen Forschungen Anfang der Neunziger Jahre in Deutschland vor. „Der einzige Geigenbauer, der in Deutschland darauf angesprungen ist, war ich“ erzählt Ralf Schumann mit einem Lächeln, „ich war gleich hoch elektrisiert. Damit war der Weg gebahnt, den ich anschließend gehen konnte.“ Schumanns eigene Klopfexperimente an hochwertigen Instrumenten vertieften die Entdeckungen von Yarovoi.

Für Ralf Schumann war schnell klar, dass er seine Geigen künftig so bauen wird, dass sie dem Klopfschema entsprechen. An verschiedenen Geigenbau-Wettbewerben hat er über die Jahre teilgenommen, auch beim internationalen Geigenbauwettbewerb „Jacobus Stainer“ in Hinterzarten im Schwarzwald, bei dem er 2001 mehrere Preise gewann. 2003 zog es ihn dann endgültig mit seiner Familie von Hamburg in den Schwarzwald, ein Schritt, den er nie bereut hat.

 „Viele Instrumente haben Klangprobleme, sie klingen dumpf oder scheppern gar. Deshalb suchte ich nach einer Möglichkeit, an fertigen Instrumenten klangliche Defizite zu beheben, ohne die Instrumente auseinander zu nehmen“, berichtet der Geigenbaumeister. Unzählige Versuche hat er unternommen. Schließlich stieß der 58-Jährige auf  Aufnahmen von Stradivari-  und Guadagnini-Geigen in Bildbänden alter italienischer Geigenbaukunst, bei denen kleine Stiche im Holz der Geigenschnecke zu sehen waren. Ralf Schumann begann sofort damit, an einfachen Schülergeigen zu experimentieren. „Ich stellte fest, dass ich mit ganz feinen Piksern ins Holz die Klopftöne verändern kann“, sagt er, „ich mache also quasi  Geigenakupunktur.“ Allerdings lässt Schumann die Nadeln nicht länger stecken, wie es ein Akupunkteur am menschlichen Körper macht, er setzt lediglich feine Stiche ins Holz. Und nur an den Zubehörteilen wie Griffbrett, Steg oder Saitenhalter. Zunächst hielten viele die Methode des Klangexperten lediglich für einen Werbegag. Eine Studie des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Hamburg bestätigt die Wirksamkeit der Geigen-Akupunktur.

Kommt ein Musiker mit seinem Instrument zur Klangabstimmung in die Geigenbauwerkstatt im oberen Münstertal, spielt er zunächst vor und erläutert die klanglichen Probleme. Ralf Schumann sucht die Geige mit Hilfe der Klopftechnik ab und nutzt auch seine eigenen Körperwahrnehmungen, um Hinweise zu finden, wo das Problem liegt. „Ich spüre körperlich, wo ich am Instrument ansetzen muss“, sagt er, „oft stehen mir die Haare zu Berge oder es kribbelt an der Kopfhaut. Dann weiß, ich dass ich mich mit dem Wirbelkasten und der Schnecke befassen muss.“ Ein bis zwei Stunden lang braucht Schumann für eine solche Klangabstimmung, die mit fortschreitender Zeit immer feiner wird. Als Pikser benutzt er ganz dünne  Zahnarztbohrer. „Für mich ist die Konzentration auf den Klang sehr kraftzehrend, das merke ich meist erst im Nachhinein“, sagt der Geigenbaumeister.

Seit Ralf Schumann 2001 mit den Klangabstimmungen begann, hat er über 1000 Instrumente mit seiner Akupunktur klanglich verbessert. Auch so wertvolle Geigen und Celli wie solche des italienischen Meister-Geigenbauers Antonio Stradivari und andere Instrumente aus dem 17. und 18. Jahrhundert hat er schon „behandelt“. Musikerinnen und Musiker aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland nehmen die Reise in den Schwarzwald auf sich, um ihre Instrumente klanglich einrichten zu lassen. Von Zeit zu Zeit macht der Klangkünstler sich auch selbst auf den Weg nach Hamburg oder nach Berlin, um seine Kunden vor Ort zu treffen. Nicht nur Streichinstrumente wie Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass und Bögen hat er erfolgreich behandelt, sondern auch  Gitarren, E-Gitarren, Harfen, Klaviere und verschiedene Holz- und Blechblasinstrumente. Mehrmals im Jahr veranstaltet Ralf Schumann Konzerte in seiner Geigenbauwerkstatt. Musiker unterschiedlicher Couleur präsentieren ihre Kunst in der ganz besonderen, intimen Atmosphäre der Werkstatt. Der Klangexperte demonstriert dem Publikum in der Pause direkt am Instrument seine Methode der Klangeinstellung und führt weitere Ergebnisse seiner Experimente wie ein Klangpodest aus Eibenholz vor. Die Verbesserungen sind tatsächlich auch für Laien deutlich wahrnehmbar.

Am Tag meines Besuchs in der Geigenbauwerkstatt überarbeitet der Meister das Cello eines Musikers des SWR-Sinfonieorchesters. Saiten und Steg sind abgebaut, Schumann hat das Griffbrett aus Ebenholz abgeschliffen, weil sich dort im Lauf der Zeit Spurrillen und Dellen gebildet haben, die den Klang des Instruments beeinträchtigen. Dann entfernt er den Stimmstock, ein zylinderförmiges Fichtenholzstück, das zwischen Decke und Boden geklemmt ist. Der Stimmstock überträgt die Schwingungen von der Decke des Streichinstrumentes zum Boden. Vorsichtig führt Ralf Schumann eine kleine Lampe durch ein f-Loch, pikst den Stimmstock mit einem Stimmsetzer auf und zieht ihn durch das f-Loch nach außen. „Der Stimmstock wird als die Seele des Instruments bezeichnet. Auf Italienisch heißt er anima, auf Französisch âme, also Seele“, sagt Schumann, „ich drechsle den Stimmstock selbst, weil ich nach akustischen Versuchen festgestellt habe, dass das Instrument so besser klingt.“ Wenn alle Überholungs- und Reparaturarbeiten fertig sind, geht es an die Klangeinstellung, also ans Klopfen und Piksen.

Dieser Beitrag von Gabriele Hennicke ist zusammen mit den anderen im Verlag Rombach, Freiburg, auch in Buchform erschienen und seit Oktober 2017 im Buchhandel erhältlich unter der ISBN 978-3-7930-5132-9

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