Der Kohlenmeiler glimmt

Im Rauch lebt der letzte Köhler weiter - nach dem Tod von Siegfried Riesterer führt seine Familie die traditionsreiche Köhlerei im Münstertal fort. Unsere Autorin Gabriele Hennicke hat sie besucht.

Aktuell: Ab dem 15.04.2017 bis etwa zum 30.04.2017 kann man wieder den Meiler bewundern und Familie Riesterer bei ihrem traditionsreichen Handwerk über die Schulter schauen - das ist ein Ostererlebnis der besonderen Art!

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Die fröhlichen Köhler am 15.04.2017 (Foto: Th. Coch)

Im Rauch lebt der letzte Köhler weiter

Wenn der Kohlenmeiler brennt, dann setzt Familie Riesterer in Münstertal nicht nur die jahrhundertealte Köhlertradition im Südschwarzwald fort. Dann ist ihnen auch der vor  fünf Jahren verstorbene Vater ganz nah.

Einmal im Jahr ist es, als lebe Siegfried Riesterer noch. Denn jedes Jahr an Ostern setzt seine Familie den Kohlenmeiler in Münstertal im Südschwarzwald in Brand. Ganz so, wie es der Vater 34 Jahre lang mehrmals im Jahr getan hat. Wenn die Kleider nach Holzkohle riechen und  der der bläulich-weiße Rauch des Kohlenmeilers durchs abgelegene Gabeltal zieht, dann ist Siegfried Riesterer seiner Familie besonders nah.

Dabei sah es fast so aus, als hätte mit ihm auch das traditionsreiche Handwerk des Köhlers im Münstertal sein Ende gefunden. Etwa zwei Wochen dauert es, bis im Kohlenmeiler aus 30 Ster Buchenholz hochwertige Grillkohle entsteht. In dieser Zeit muss der Meiler überwacht, gehegt und gepflegt werden, rund um die Uhr. „Das schaffen wir nicht. Wir sind doch alle berufstätig“, das war nach dem Tod des Vaters die einhellige Meinung im Familienkreis, der aus  Mario Riesterer, seinem Zwillingsbruder Michael, Schwester Andrea und Schwager Uwe Franz und natürlich Mutter Kriemhild besteht. Es sind ja nur zwei Wochen, vielleicht könnte es ja doch gehen, meldete sich eine leise Stimme, mal im einen, mal im anderen. Wenn man ein verlängertes Wochenende dazu nimmt, feste Zeiten abspricht und alle mithelfen. Und tatsächlich: Schon wenige Monate nach  Siegfried Riesterers Tod brannte der Meiler wieder, das gemeinsame Werk der Brüder Mario und Michael, von Schwager Uwe Franz und Mutter Kriemhild Riesterer. „Es war wichtig, dass wir es gleich gemacht haben, hätten wir gewartet, wäre es sicher nichts geworden mit der Fortsetzung der Familientradition“, sagt Mario Riesterer rückblickend, während er den nunmehr vierten Kohlenmeiler  überwacht und kontrolliert, ob Löcher im Meiler entstanden sind.

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Über eine kleine Holzleiter steigt Mario Riesterer die etwa drei Meter hinauf auf den Meiler. Jetzt steht er mitten im Rauch, oben auf dem brennenden Meiler. Hat der Köhler ein Loch entdeckt, steigt er vom Meiler hinunter, holt Erde, schaufelt  Erde aufs Loch und klopft sie fest. „Der Meiler darf nicht zu viel Luft bekommen und brennen, sondern nur glimmen“, sagt er.  

Im  Sommer und  Herbst hat Familie Riesterer die meterlangen  Holzscheite für den Meiler gesägt, gespalten und den Meiler aufgestapelt, damit das Holz trocknen kann. Die Köhler nutzen jedes Jahr die gleiche Meilerplatte, die in Münstertal ist sogar überdacht. Rund um den Zündschacht, den Quandel, der aus drei Holzstangen besteht, die mit einem Eisenring verbunden sind, stapeln sie das Holz kegelförmig. Etwa drei Meter hoch wird der Meiler am Schluss sein. Wenn er angezündet wird, nimmt der Zündschacht die Glut auf, die den Meiler in Betrieb setzt. Anschließend wird der Meiler mit einer Schicht Tannenreisig abgedeckt und mit der Lösche, dem Bodensatz aus Kohlenstaub und Erde, des vorherigen Meilers abgedichtet. Diese etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter dicke Erdschicht spielt beim gesamten Verkohlungsprozess eine wichtige Rolle. Sie muss so fest und dicht sein, dass Wind und Wetter dem Meiler nicht zusetzen können, deshalb  wird sie laufend kontrolliert.

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Über etwa 20 Löcher, die er mit einer Metallstange in den Meiler gebracht hat,  steuert Mario Riesterer die Luftzufuhr und regelt den Kohlvorgang. „Die ersten zwei Tage überwachen wir  den Meiler permanent.  Da ist es am gefährlichsten. Wir schlafen draußen  beim Meiler. Wenn wir überhaupt zum Schlafen kommen.“ Was passieren kann? „Der ganze Meiler könnte in die Luft fliegen. Es könnte eine Verpuffung geben, schließlich bilden sich  durch das Abbrennen Gase, die raus müssen. Bei unserem zweiten Meiler 2014 ist uns das dreimal passiert. Die größte Gefahr besteht, wenn morgens der Wind dreht“, berichtet Riesterer. 600 Grad hat es innerhalb des Meilers, die Verkohlung beginnt bereits bei 240 Grad.

Die Familie hat Schichten eingeteilt. Zwillingsbruder Michael Riesterer, der etwa 20 Kilometer entfernt  lebt und eine KFZ-Werkstatt betreibt, kommt in der Mittagspause und schaut nach dem Rechten. Vormittags und nachmittags ist Mutter Kriemhild verantwortlich. Mario Riesterer und sein Schwager Uwe Franz wohnen zwar in Münstertal, arbeiten aber beide weiter weg. Sie schauen nach der Arbeit nach dem Meiler und wechseln sich mit Michael Riesterer in den Nächten ab. Zwei Nächte Dienst, eine Nacht frei. Zum Glück können alle drei  immer wieder gleich einschlafen, sobald sie nach der Kontrolle wieder im Bett liegen. „Natürlich fragt man sich manchmal, warum mache ich das eigentlich, wenn man nachts um vier, fünf Uhr oben auf dem Meiler im Rauch steht und Löcher zumacht“, gibt Mario Riesterer zu. Schließlich ist sein Leben ausgefüllt. Mit der Arbeit als Steuerberater in der Kanzlei in 40 Kilometern Entfernung, die er bald übernehmen wird. Mit seiner Familie mit zwei kleinen Kindern. Nur der Vater fehlt. „Den Vater, den finde ich nicht im Elternhaus, sondern  hier hinten beim Kohlenmeiler,  im Rauch“, sagt er.

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Gerade mal vier Wochen alt waren die Zwillinge 1975  gewesen, als der Vater seinen ersten Kohlenmeiler in Brand gesetzt hatte. Siegfried Riesterer, im Hauptberuf Waldarbeiter, hatte damit das Erbe seines Onkels Pius angetreten, der der letzte hauptberufliche Köhler im Münstertal gewesen war. „Die Kinder waren immer dabei, die drei Jahre ältere Schwester und die Zwillinge erst im Kinderwagen, später im Laufstall. Als sie größer waren auch ihre Freunde, der Wald war der Spielplatz“, erinnert sich Mutter Kriemhild Riesterer. Kein Wunder also, dass der Kohlplatz mit dem Wald darum herum so etwas wie die zweite Heimat ihrer Söhne geworden ist. „Ich bin einfach gerne im Wald, das ist der Ausgleich zum Bürojob als Steuerberater“, sagt Mario Riesterer, „hier gibt es keinen Handyempfang, man ist nicht erreichbar, das tut gut.“ Gut tut auch die Gemeinschaft, das gemeinsame Arbeiten mit Bruder und Schwager, mit der Mutter. Und das Feierabendbier. „Das Bier  nach getaner Arbeit, das entschädigt auch für manche Anstrengung“, gibt der Köhler augenzwinkernd zu.

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Nach etwa zwei Wochen ist der Meiler durchgekohlt. Aus dem Holz ist Holzkohle geworden. Noch glüht ein guter Teil davon. Die Arbeit am Meiler ist längst nicht abgeschlossen. Jetzt heißt es den  Meiler abbauen, nach und nach. Etwa eine Woche dauert das, die Familie verteilt die sieben Tage auf mehrere Samstage. Mit einem langstieligen großen Rechen zieht Mario Riesterer fertige Holzkohle vom Meiler hinab nach außen und legt einen kleinen Holzkohlering rund um den Meiler.  Dann kommen die Gießkannen mit Wasser aus dem kleinen Bach neben dem Kohlplatz  zum Einsatz. Schwaden von Wasserdampf ziehen durch Tal. Die meisten der Kohlestücke sind bereits ausgekühlt, immer wieder gibt es aber kleine Glutnester, die es zu finden gilt. Mit Akribie und Geduld  dreht Kriemhild Riesterer mit einer kleinen Harke Kohlenstück um Kohlenstück um. Zwei kleine organgefarbene  Kindergießkannen – es sind die ihrer längst erwachsenen Kinder -  gefüllt mit Wasser, kommen immer dann zum  Einsatz, wenn sie ein glühendes Kohlestück entdeckt hat.  „Man muss sehr vorsichtig und sorgfältig sein, sonst trägt man das Feuer überallhin“, sagt sie. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ein glühendes Kohlestück den Sack in Brand setzen würde, in den die abgekühlte Kohle später eingefüllt wird. Wieviel Kohlesäcke Familie Riesterer am Ende abgefüllt haben wird, lässt sich nicht vorhersagen, das hängt von vielen Faktoren ab. Die Papiersäcke mit acht Kilo bester Holzkohle,  die Kriemhild  Riesterer für 14 Euro pro Sack verkauft, sind begehrt bei vielen Stammkunden.

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Ob die sich wohl darüber im Klaren sind, dass sie nicht nur ein durch und durch handgefertigtes Produkt erworben haben, sondern mit ihrem Kauf dazu beitragen, die jahrhundertealte Köhlertradition im Schwarzwald fortzusetzen?

 

 Text und Bilder: Gabriele Hennicke